Weihnachten 2013 in der argentinischen Provinz Cordoba

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Samstag Früh, 3:30 Tagwache: 8 Stunden Autofahrt nach Cordoba in einem übervollen Ford Fiesta ohne Klimaanlage stehen am Programm. Die Straße ist schnurgerade und um die Zeit ist selbt in Buenos Aires alles ganz ruhig. Clara, mit der ich zwei Monate in Buenos Aires zusammen gewohnt habe, hat mich zu sich nach Hause eingeladen, um mit ihrer Familie Weihnachten zu feiern.

Vollgepackt gehts Richtung Capital Cordoba, wo Claras Schwester wohnt, bei der wir eine Nacht verbringen. Den Großteil der Strecke sitz ich hinterm Steuer und trete den kleinen Ford ordentlich her, damit was weiter geht. Und wie sollte es anders sein, als dass uns die Polizei bei einer Kontrolle heraus fischt. Aber nicht wegen meiner zügigen Fahrweise, sondern weil ich vergessen habe, das Licht einzuschalten. Clara flucht, weil das richtig teuer werden kann. Ich packe meine Spanisch Kenntnisse aus und erkläre charmant lächelnd, dass ich ja keine Ahnung hatte etc. Zwei nette Mädls gegen einen Polizisten bewirkt nicht nur in Österreich manchmal Wunder, es funktioniert auch in Argentinien! Nach dem wir auch noch Claras Bruder auf der Strecke samt Gitarre und Geige eingesammelte haben, ist nach acht Stunden die erste Etappe geschafft. Am Abend erkunde ich das Zentrum von Cordoba und die geniale Feria, einer der größten und coolsten Handwerksmärkte des Landes. Irgendwie wirkt alles mit Weihnachtsbeleuchtung und Schmuck wie ein Christkindlmarkt. Nur die 30 Grad und das kühle Bier passen nicht ganz dazu. Tags darauf gehts durch die Sierra de Cordoba Richtung Villa de las Rosas, einem kleinen Ort, wo Claras Familie lebt. Die Sierra ist eine der ältesten Erhebungen im Land. Man schraubt sich auf weitläufiges Hochplateau, bevor es auf der anderen Seite steil hinunter ins Tal geht. Der höchste Punkt der Sierra liegt auf 2800m und man kann a la Höhenwanderweg von einem Ende ans andere gehen oder in einem Tag die Strecke mit Pferden bewältigen. 20131230-151034.jpg

Claras Familie empfängt mich mit offenen Armen und ich fühle mich innerhalb kürzester Zeit als Teil der Familie. Die Nachbarschaft besteht aus lauter Cousinen, Onkeln und Tanten. Im Zentrum steht das Haus der Großmutter, Pool inklusive – DER Treffpunkt für alle, denn bei knapp 40 Grad kann man fast nur alle 5 Minuten ins Wasser hupfen. Anders als bei uns gehen hier zu Weihnachten viele Freunde ein und aus, nicht nur beim Pool, sondern auch beim abendlichen Zusammensitzen. Statt Christbaum aufputzen am 24.12 , verbringe ich den Tag mit Claras Bruder Anselmo und seiner Freundin an einem Rio. Ein Spot, den ich als „normale“ Reisende wohl nie gefunden hätte!
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Zwischen Felsformationen, mal höher mal weitläufiger, schlängelt sich ein Fluss mit glasklarem und angenehm erfrischenden Wasser. Die Steine sind rund und blitzeblank, so dass man von einem zum anderen kraxeln kann, dazwischen wieder mal in den weitläufigen Bereichen zum Schwimmen kommt, und so einen großen Teil des Rios mutterseelenalleine genießen kann. Leider kann die Kamera nicht mit und die spektakulärsten Bilder gibts nur in meinem Kopf. Aber ich kann nur sagen: so einen coolen Spot hab ich noch selten gesehen! Die Abendvorbereitung wird dann doch noch ein bisschen gschäftigt. Im Garten wird ein Buffet aufgebaut, Kerzen auf den Gartentischen verteilt und der Geschenkeberg unter einer Stehlampe aufgebaut. Mal was anderes! Rund 30 Familienmitglieder trudeln nach und nach ein. Um Mitternacht wird klassisch musiziert und die Geschenke werden verteilt. Davor dreht meine Vanillekipferl-Dose noch eine Runde. Irgendwie schon schräg, Vanillekipferl bei 30 Grad im Garten zu essen! Das Christkind hat auch an mich gedacht! Mir treibts die Tränen in die Augen, weil ich so überwältigt bin von der Herzlichkeit dieser Menschen, die mich noch wenige Tage davor gar nicht gekannt haben. Ja, auch das ist ein Teil von Argentinien! Darum fühle ich mich hier so daheim – weil die Menschen positiv und offenherzig sind und Teilen an der Tagesordnung steht.

Ich unterhalte mich länger mit einem Cousin von Clara, der seit langer Zeit in Amerika lebt. Wir stellen beide fest, dass die westliche Welt eine Welt der Individualisten ist, getrieben von Kopfentscheidungen, organisiert und strukturiert. Während im Süden die Menschen chaotisch sind, gemeinsam die täglich neu auftauchenden Probleme lösen, und immer wieder kreative und unkonventionelle Wege finden, wie sie ihr Leben meistern. Für mich ist es extrem interessant, diese Unterschiede zu erleben und während meiner fünf Monate zu erfahren. Ich bin enorm dankbar und stolz darauf, das Land auf diese Art und Weise kennen zu lernen. Ich weiß, dass es ganz egal ist, wieviele touristische Spots ich hier in Argentinien besucht habe. Es ist viel wichtiger, mit den Menschen zu sprechen, ihren Alltag zu verstehen und das echte Leben einzuatmen. Ich sammle unzählige Erlebnisse, die man in keinem Reiseführer findet – und das ist gut so!

Die Heilige Nacht endet mit Gesang, Musik, viel Fernet und Campari bei Freunden in der Nachbarschaft. Gesungen wird hier generell viel – egal ob auf der Straße, im Geschäft oder zum Gedudel aus dem Radio – die Menschen sprühen und sprudeln ihr Inneres nur so heraus. Mich wundert es schon gar nicht mehr, wenn mir auf der Straße jemand laut singend entgegen kommt!
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Die Weihnachtstage verbringe ich zwischen Schwimmen im Pool, Chillen in der Hängematte und Futtern von herrlichem Essen. Claras Papa Luis ist nämlich ein großer Fan von Kräutern und zeigt mir stolz seinen Kräutergarten. Seit drei Monaten esse ich endlich wieder herrliche Gerichte mit „Geschmack“!

Am Stefanitag wirds hektisch, denn Clara und ihr Cousin hatten am Heiligen Abend die Idee, eine karge Wand eines Gartenhauses zwischen den Grundstücken zu bemalen. Nicht mit irgendeinem Motiv, sondern mit dem Stammbaum der Familie. Da wird nicht lange gefakelt! Kurze Plannungsphase, Farbeneinkauf und Designentwurf passieren innerhalb eines Vormittags und am Nachmittag pinseln alle mit Feuereifer. Ich beobachte das Treiben staunend und bin noch mehr überrascht, als wenige Stunden später die gesamte Familie samt 92-jähriger Oma, das Kunstwerk begutachtet. Selbst die Familienhunde und das knallrote Auto der Oma finden sich an der Wand. Die Großmutter inspiziert, ob auch keiner ihrer zahlreichen Enkel und Urenkel fehlt.
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Der Abschied von meiner Ersatzfamilie fällt mir richtig schwer. Nach 12h Reise im Micro, so heißt der Langstreckenbus hier, komme ich bei 38 Grad in Buenos Aires an, wo ich ganz schnell meine Zelte abbreche. Die Stromausfälle betreffen nämlich mittlerweile auch das Viertel in dem ich wohne. Mit gefühlten 10.000 Städtern mache ich mich auf Richtung Mar del Plata, DEM Urlaubsort an der Küste, an den die Menschen aus Buenos Aires im Jänner flüchten. Auch hier habe ich das Glück, Silvester nicht in einem Hostel zu feiern, sondern mit meinem argentinischen Reisefreund Santiago, den ich seit Jujuy kenne, und seinen Freunden. Mehr Plan gibt es nicht – ich entscheide spontan und genieße mein Hippie-Leben. Feliz Año Nuevo!!!

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