Querdenker Max: „Die Welt begreifen lernen“

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Max habe ich in meinem Sprachkurs kennen gelernt. Der 25-jährige Waldorfpädagoge aus Frankenthal bei Mannheim ist vor einigen Monaten aufgebrochen, die Welt zu erkunden. Wir unterhalten uns an einem heißen Sonntag kurz vor Weihnachten in Buenos Aires, schlürfen genüsslich kühle Smoothies und Max erklärt mir, weshalb Theorien für ihn erst durch Bewegung begreifbar werden.

Max besuchte selbst eine Waldorfschule. Mit theoretischen Themen hatte er nie eine große Freude. Mehr durch Zufall stieß er zur „Zirkus AG“, einer Schulaktivität, in der Kinder spielerisch Zirkusakrobatik ausprobieren. Er engagierte sich in der Organisation und wurde bald Trainer, denn die Entwicklung, die Kinder in dieser Gruppe machen, beeindruckte ihn enorm. Jeder in der Gruppe hat die Möglichkeit unterschiedliche Dinge auszuprobieren und sein „Ding“ zu finden. Einmal in der Woche steht 1 1/2 Stunden Jonglieren, Einrad fahren, Trampolin, Trapez, Schleuderbrett u.v.m. am Programm. Die Kinder suchen sich ihre Disziplinen, dies können auch einfache Dinge sein, an denen sie mit Spaß arbeiten. Die Erfolgserlebnisse sind dafür dann um so intensiver, denn sie bekommen Anerkennung von Publikum. Dabei muss die erste Disziplin nicht immer die größte Leidenschaft bleiben. Die Artisten durchlaufen ihre eigene Entwicklung, probieren andere Dinge aus und suchen sich so ihren Weg. Ganz nebenbei wird ihr Selbstvertrauen gestärkt, was sich wiederum positiv auf den Lernerfolg der Theorie auswirkt. Genau so hat es auch Max erlebt, nicht nur während seiner Schulzeit, sondern auch danach im Studium.

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Während seiner Tätigkeit als Trainer in der Zirkus AG bemerkte er, wie ihm das Begleiten von Menschen in deren Entwicklung Freude bereitete. Die zu Grunde liegende Theorie, also Pädagogik, interessierte ihn zusätzlich. Auf der Suche nach einem schlüssigen, pädagogischen Konzept kommt er wieder zurück zur Waldorf Schule, die er selbst schon besucht hat. Er beginnt mit der Ausbildung zum „Waldorf Bewegungslehrer“.

Im ersten Jahr ging es vorrangig um die (philosophische) Theorie. Max ging der Bezug zur Praxis ab und er tat sich schwer in dieser Zeit.

Das war mir zu abgefahren – ich konnte die Dinge nicht zu meinen machen.

Im zweitem Jahr an der freien Hochschule wechselten Bewegungs- und Theorie-Einheiten ab und das Verhältnis stimmte plötzlich für den angehenden Pädagogen.

In der Zeit habe ich mit vielen Themen beschäftigt, weil die Kapazität dafür da war.

Die Waldorfschule bzw. deren Unterricht stellt den Menschen in den Mittelpunkt und die Schule passt sich der Entwicklung an. Am Ende geht es nicht nur um die intellektuelle Ausbildung, sondern um die ganzheitliche Sichtweise, eigene Erfahrungen in unterschiedlichen Disziplinen.

Es geht wort wörtlich darum, die Welt „be-greifen“ zu lernen.

Die Bewegung spielt dabei eine wesentliche Rolle. In der Waldorfschule gibt es das Fach „Eurythmie„, das Rudolf Steiner eingeführt hat aus der Überzeugug heraus, dass sich Menschen mehr bewegen müssen. Ziel ist allerdings nicht, noch ein Turnfach mit Regeln zu kreieren. Vielmehr wird mit dem Körper eine andere Form des Ausdruckes, der mit Sprache schwer greifbar ist, geschaffen.

Eurythmie ist ein Bewegungsfach, die Kunst mit der man Sprache und Musik in Bewegung ausdrückt.

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Max ist von der Waldorf Pädagogik überzeugt, was in seinen umfassenden Ausführungen spürbar wird. Mit Leidenschaft kann er stundenlang die Vorgehensweise dieser Form des „begreifen Lernens“ erklären. Beispielsweise spiegelt sich nicht nur im Bewegungsunterricht, entsprechend der Entwicklung der Kinder, die Übungen wieder, sondern auch in allen anderen Fächern. So spannt sich ein Bogen der menschlichen Entwicklung über Geschichte, Kunst, Mathematik etc. Beispielsweise steht in der 5.Schulstufe griechische Mythologie und Geschichte am Plan und gleichzeitig geht es im Bewegungsunterricht um um die griechische Olympiade und den Fünf Kampf.
„Bewertungen“ sind individuell und orientieren sich an Maßstäben wie: wie arbeitet das Kind in der Gruppe, wie sind die individuellen Fortschritte. Im Sportunterricht wird beim Weitwurf etwa nicht die Weite in Metern gemessen. Entsprechend der unterschiedlichen Entwicklung ist der Maßstab die Elle jedes Kindes. Somit hat jeder seinen persönlichen Vergleich ohne alle über den gleichen Kamm zu scheren.

Auf die Frage, welche Vision Max mit seiner Arbeit verbindet, antwortet er:

Das ist eine Sache, die sich auch bei mir immer wieder ändert.

Damit spricht er einen wichtigen Punkt an: Die Vorgaben in seinem Unterricht, die Spiele halten sich an Regeln, jedoch sind diese nicht für die Ewigkeit. Das Spiel hat die Regeln, die wir ihm geben.

Wir machen die Regeln jedes Mal neu.

Klarerweise ist dies nicht für jeden einfach nachvollziehbar. Wie ein Fussballspiel abzulaufen hat, das weiß jeder. Für Max ist aber genau das ein wichtiger Punkt in seiner Arbeit und auch für sein Leben: Er möchte die Offenheit behalten, dass er Sachen in seinem Leben verändern kann. Engstirnige Denkweisen, Ausreden warum „man“ etwas nicht machen kann, davon hält er nichts:

Viel sagen: „So machen wir es, weil so war es immer.“Wenn ich jedes Mal Dinge nicht angehe, das ist ja furchtbar!

Max möchte den Kindern mitgeben, dass bewußte Entscheidungen im Leben wichtig sind. Im Sport kann man die Spielregeln einfach mal ändern, das gilt auch für andere Bereiche. Ihm ist die Offenheit für Kreativität wichtig und er arbeitet daran, Kindern die Denkweise „ich kann das nicht“ zu nehmen und statt dessen in eine positive Sichtweise umzuwandeln.

Wenn ich es wirklich will, kann ich’s auch. Ich kann mein Leben, meine Welt selbst gestalten.

Wenn er es geschafft hat, seinen Schützlingen das Gefühl mitzugeben, dass sie selbst ihre Regeln machen, dass man auch etwas Neues machen kann, dann werden genau diese Menschen später im Leben auf ihre Erfahrung zurück greifen und sich leichter auf Neues einlassen.

Ich habe Max während meiner 5-monatigen Auszeit in Argentinien getroffen. Quasi sind wir beide Reisende, Suchende. Für Max sind die Dinge die wir erleben – positiv wie negativ – ein Spiegel. Sie haben eine Bedeutung und zeigen uns, wo wir gerade im Leben stehen. Sein Motto kann ich nur unterschreiben:

Alles hat einen Sinn.

Auch unser Zusammentreffen hatte einen Sinn: eine neue Sichtweise zum Thema Bewegung und Lernen.

Wer sich mehr für die Waldorfschule und deren Methoden interessiert, der sollte sich dieses Video unbedingt ansehen: Fürs Leben lernen in der Waldorfschule

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