Roadtrip mitten durch die Pampa – und zwar wirklich!

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Nachdem die Temperaturen in Buenos Aires schon im Dezember auf unerträgliche 38 Grad gestiegen sind und kurz nach Weihnachten auch in meiner WG der Strom ausgeschalten wurde, war der Plan klar: ab an die Küste! Nach Mar del Plata flüchten so ziemlich alle Portenos im Jänner. Es fühlt sich irgendwie an wie vor 20 Jahren in Rimini: ein Schirm reiht sich an den nächsten, Menschenmassen quälen sich durch die die Strassen mit Bikinis, Strandmatten, Sandspielzeug und billig Ramsch. Die Menschen lieben offenbar den Auflauf und die überfüllten Strände. Ich liebe das Meer!
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Den Jahreswechsel verbringe ich mit meinem Reisefreund mitten im Nirgendwo – also eigentlich im Hinterland von Mar del Plata, in Balcarse. Die ersten Jänner-Tage sind in diesem Jahr nicht vom Skifahren dominiert, sondern von entspannten Tagen am Strand. Überfüllt sind die Strände im Süden von Mardel zwar auch, aber extrem viel schöner. Eine raue See peitscht ans Festland, erfrischend ist die Prise, die einem den Sand überall hin treibt und herrlich prickelnd die Sonne auf der Haut, die sich langsam Richtung dunkelbraun färbt. Ich genieße das Meer, den Duft, das Klima und die Stunden, wenn wenige Menschen am Strand sind – abends und morgens. Nach Wochen in der Stadt spring ich wieder in meine Laufschuhe und es zieht mir einen breiten Grinser auf, wenn ich am Meer entlang trabe. Die Wellenbrecher-Steine dienen als Koordinationstraining, die Fußgänger, die keinen Zentimeter ausweichen, als Laufschule – ja, ich liebe das Meer!
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Was mir an Mardel auch gefällt: ich habe hier zumindest einen Menschen, mit dem ich Gespräche führen kann, die über den Status meiner Reise oder aktuellen Situation in Argentinien hinaus gehen. Eines der wenigen Dinge, die ich auf meiner Reise wirklich vermisse! Vivi habe ich in Buenos Aires kennen gelernt, wo sie den ersten Part ihres Praktikums absolvierte. Den restlichen Teil erledigt sie eben in Mardel. Sie ist mindestens so ein verrücktes Hendl wie ich und wahrscheinlich verstehen wir uns deshalb so gut.

So fällt es mir auch nicht schwer, meine Begleitung für einen Road-Trip in den Süden und in die Pampa zu bestimmen. Donnerstag bis Montag Früh hab ich ein Auto gecheckt – einen Jeep, nein, einen Renault Clio. Na ja, eh fast das Gleiche! Mit Vivi wird einem nicht fad – das merk ich schnell, als sie mit ihrer italienischen Fahrstil dem Clio so ziemlich alles abverlangt.

Richtung Süden gehts am ersten Tag nach Necochea, einem weiteren Küstenort. Der Strand ist breiter und von weniger Menschen bevölkert. Je weiter südlich man kommt, desto weniger Menschen trifft man, bis man schließlich vollkommen alleine über Dünen wandern kann. Wir schlafen im Auto, direkt am Strand und fürchten uns die erste Nacht ganz schön. Der Wind beutelt am Clio, es wird ganz ziemlich frostig und die vorbei fahrenden Autos mit ihren Lichtern tragen zum Unwohlsein zusätzlich bei.

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Dazu muss man sagen, dass man in Argentinien problemlos wild campen darf. Wir positionieren uns sogar in der Nähe der Polizeistation am Strand, um ja sicher zu sein. Das Morgengrauen entschädigt dann für das Zittern in der Nacht. Im 10 Minuten Takt schrecke ich auf, schieße ein Foto und starre auf die Sonne, die sich langsam aus dem Meer erhebt. Die ersten wärmenden Strahlen genieße ich fröstelnd in meinem „Pyjama“ vorm Auto.

Kein Mensch ist am Strand. Wow, genau auf das habe ich mich gefreut! Das Gefühl ähnelt dem am Berg – ob Berg oder Meer, „me siento mejor“! Weiter Richtung Süden bekommen wir eine Ahnung von der Pampa: schnurgerade Straßen über Kilometer und ein „Nichts“ an Landschaft: unendliche Weiten, könnte man dazu sagen! In Monte Hermosa erwartet uns ein weiterer genialer Strand. Ich beobachte stundenlang die Kiter, die sich mit dem Wasser und dem Wind spielen – Passion pur! Nach dem unser Weg ein breiter und langer ist, entschließen wir uns, nicht eine weitere Nacht am Strand zu schlafen, sondern die 200 Kilometer Richtung Norden in die Sierra de la Ventana, gleich zu erledigen. In der Abend-Dämmerung, die eigentlich mehr einer Morgen-Dämmerung gleicht, wirkt alles gleich noch einmal „gleicher“. Die Straße zieht sich endlos entlang, bis endlich ein paar Hügel in weiter Ferne auftauchen: unser Ziel. Den ersten Ort, Saldungaray, lassen wir ganz schnell hinter uns. Die geisterhafte Stimmung wirkt auf uns beide sehr abschreckend. In Sierra de la Ventana kreisen wir gefühlte 3 Stunden, aber in Wirklichkeit zumindest im den gesamten Golfplatz, bevor wir unser Schlafdomizil an einem kleinen See unter einem Baum finden. Es ist dies die kälteste Nacht unserer Reise. Im Auto laufen die Fenster an, meine Zehen sind halb taub und Vivi stöhnt samt Decken und 10 Schichten Klamotten unter der Kälte. Um 6:30 ist es zu viel: ich starte das Auto, wir drehen die Heizung auf volle Stufe und düsen weiter Richtung Villa Ventana. Dort finden wir einen Parkplatz in der Sonne und schlafen noch zwei Stunden weiter – entspannter.

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Die Sierra ist nett mit einer höchsten Erhebung von rund 1100 Metern. Die offiziellen Wege sind ziemlich allesamt wegen Brandgefahr gesperrt. Die Sierra ist staubtrocken, weil es schon seit ewigen Zeiten nicht geregnet hat. Am Pass Richtung Tornquist (am anderen Ende der Sierra) erklimmen wir einen kleine Erhöhung und genießen den Ausblick über die halb verbrannte Sierra hinaus. Weiter gehts über kilometerlange Straßen, auf denen einen durch aus der Sekundenschlaf erwischen kann, Richtung next Stop: Tandil. Der Ort zeigt mal wieder, welche Challenges auf so einem Road-Trip am Plan stehen. Auf der Suche nach einem Lokal mit Futter – abseits von Pizza und Empandas – cruise ich unter Navigator Vivis Anweisungen zwei Stunden durch ALLE Straßen von Tandil. Na gut, schwierig ist es nicht, sich hier zurecht zu finden: die Straßennamen sind überall die gleichen, die Quadras checkt man nach zwei Mal abfahren auch irgendwann. Dennoch steh ich plötzlich in einer Einbahnstraße oder lass mich beim links Abbiegen von aufgebrachten Argentiniern anhupen. Nach dem Futtern ist vor der nächsten Suche, der Suche nach einem Schlafplatz. Den perfekten Parkplatz vor Augen widerfährt uns eine strange Geschichte: ein Jeep verfolgt uns, parkt so, dass er uns voll blendet und verfolgt uns bei der Rückfahrt. Unsere idealer Ort zum Nächtigen ist somit Geschichte und wir checken am See, wieder mal neben der Polizei, ein. Zumindest wird die Nacht nicht ganz so kalt – wohl auch wegen meiner Strategie: zuerst wenig anziehen und wenn es kälter wird, Schichten zulegen. Vivi schläft während dessen mit sieben Schichten und „Kopfblende“ ( a la Schal um den Kopf gewickelt) selig neben mir und wir beide blenden die Fiesta um uns herum völlig aus. Nach einem Hatscher durch die Sierra rund um Tandil gehts wieder zurück nach Mardel. Und nach einer 30 Minuten Dusche auch gleich ans Meer – ich habs echt vermisst!

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Insgesamt legen wir in den vier Tagen 1300 Kilometer durch die Pampa zurück, schlafen 3 Nächte im Auto und duschen in dieser Zeit genau null Mal. Wir fühlen uns wie nach einem Festival, auch wenn die Musik aus dem Autoradio sich eher nach 70er und Argentinian Schnulz anfühlt – sofern überhaupt vorhanden. Ein genialer Roadtrip – und die Erkenntnis: sollte man öfter machen! Danke Vivi, danke Argentinien – ich will eindeutig mehr davon! ;)

Roadtrip Atlantikküste, 12.01.2014

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